Vom Wolf zum Hund – Domestikation oder Artbildung?

vom Wolf zum Hund - heute
lang ist’s her, dass der Hund ein Wolf war

Vom Wolf zum Hund – Domestikation spielte hier wahrscheinlich keine große Rolle. Hunde entstanden durch natürliche Artbildung. Der Mensch hat den Wolf nicht domestiziert. Wölfe schlossen sich den Menschen freiwillig an und begleiteten sie als Kulturfolger. Ganz nebenbei fand dabei eine Selektion nach Zahmheit und Zutraulichkeit statt – die wesentlichen Merkmale von Haushunden.

Hund und Mensch stehen heute in einer engen Beziehung. Hunde werden wie echte Sozialpartner behandelt. Zu Recht. Aber wie ist es so gekommen?

Hundwerdung

Der Hund ist das älteste Haustier des Menschen. Die Domestikation fand vor weit mehr als 15000 Jahren statt. Doch wie ging der Weg vom Wolf zum Hund?

Bisher ging man von einer Domestikation aus. Der Mensch zog wilde Wolfswelpen von Hand auf und zähmte sie. Aus Kreuzungen der gezähmten Wölfe entwickelte sich dann der Hund.

Aber Wölfe sind und bleiben Wildtiere. Sie lassen sich als Jungtiere zähmen, kehren aber mit der Geschlechstreife zu ihrer wilden Lebensweise zurück. Natürlich vererben sie diese Zahmheit auch nicht an ihre Nachkommen. Hunde dagegen sind genetisch zahm.

Es ist nicht einfach und sehr zeitintensiv, Wölfe mit Menschen zu sozialisieren. Dafür steht nur eine kurze Zeitspanne zur Verfügung, während die Wölfe noch Säuglinge sind. Unter den Bedingungen der Steinzeit war es nicht möglich, einen artfremden Säugling aufzuziehen. Womit hätte man ihn ernähren sollen — es gab schließlich noch keine Milch liefernden Haustiere.

Warum hätten die Menschen damals Wölfe zähmen sollen? Ein zahmer Wolf bringt dem Menschen keinen Nutzen. Wölfe bellen nicht und eignen sich nicht als „Wachwolf“. Es ist keine gute Idee, einem Wolf die Beute wegzunehmen. Auch nicht um sie mit ihm zu teilen. Damit entfällt ein möglicher Einsatz als „Jagdwolf“. Wölfe lassen sich nur sehr widerwillig abrichten. Also taugen sie auch nicht zum „Hütewolf“. Davon abgesehen, dass es damals nichts zu hüten gab.

Im Gegenteil: Wolf und Mensch waren eher Feinde und Nahrungskonkurrenten. Es gab keine Veranlassung, für die Zähmung eines Wolfes Ressourcen zu verschwenden.

natürliche Selektion

In der Altsteinzeit lebten die Menschen nomadisch als Jäger und Sammler. Im Umfeld ihrer Lagerstätten und später ihrer Siedliungen Siedlungen entdeckten die Wölfe eine ökologische Nische. Es fiel ständig allerlei für Wölfe Essbares an. Zutrauliche Wölfe mit geringer Fluchtdistanz konnten diese Ressourcen für sich nutzen. Scheue Wölfe fühlten sich immer wieder gestört und flüchteten. Womöglich flüchteten sie zu früh und zu weit, während ihre zutraulicheren Artgenossen sich von der Nähe des Menschen nicht stören ließen. Sie sparten sich die Energie für die Flucht und konnten zusätzlich von den vorhandenen Ressourcen mehr für sich sichern. Dieses Plus an Energie bereitete ihnen einen selektiven Vorteil, eine bessere Fitness, die sie in Nachkommen umsetzten.

Das Kriterium zur Hundwerdung war also Zutraulichkeit und eine geringere Fluchtdistanz. der Zeit verbreitete sich diese genetische Veranlagung. Die Wölfe suchten die Nähe des Menschen und bestritten ihren Lebensunterhalt als „Kulturfolger“. Die Populationen trennten sich und aus den zutraulichen Wölfen wurden Hunde.

Unsere Hunde entstanden durch Artbildung

Zur Artbildung sind ganze Populationen nötig, nicht nur einige, wenige Individuen. Die genetischen Eigenschaften einer Art werden in einem kontinuierlichen Prozess verändert. Ein bestimmtes Merkmal verschwindet und wird durch ein anderes ersetzt.

Das setzt eine unterschiedliche Fitness der beiden Gruppen voraus. Als Folge davon unterscheidet sich der Fortpflanzungserfolg der Gruppen. Gene, die in einem bestimmten Umfeld Vorteile mit sich bringen erhöhen die Anzahl der Nachkommen – also der Fitness – und das Merkmal verbreitet sich.

Jede Gruppe pflegt ihre eigenen Gene. Am Ende der Entwicklung stehen zwei getrennte Populationen, die sich nicht mehr miteinander fortpflanzen und auch eigene Nischen besetzen. Eine neue Art ist entstanden.

Diese ersten Hunde waren immer noch wilde Tiere, aber sie lebten in einem losen Gefüge mit den Menschen, ähnlich wie unsere heutigen Stadttauben oder Ratten. Diese Hunde, nicht Wölfe, wurden schließlich domestiziert.

vom Wolf zum Hund - Schritt 1
der erste Hund – so könnte er ausgesehen haben

Die ersten Hunde unterschieden sich äußerlich kaum von Wölfen. Nur ihr Verhalten verriet, dass sie Hunde waren. Rasch entwickelten sie optische Merkmale, die wir von unseren Hunden kennen: Schlappohren, Ringelschwänze oder geschecktes Fell.

Den Schritt vom Wolf zum Hund machten unsere Begleiter schon vor der Domestikation.

Die Arbeiten von D.K. Belyaev, einem russischen Genetiker, weisen darauf hin, dass diese äußerlichen Merkmale mit zahmen Wesensmerkmalen genetisch gekoppelt sind. Belyaev wollte zahme Füchse für eine Pelzfarm züchten. Nach nur wenigen Generationen der Selektion nach Zahmheit und Zutraulichkeit zeigten die Füchse diese Merkmale, die auch für Haushunde typisch sind.

Haushunde werden gerne mit Wölfen zu einer Art zusammengefasst, weil sie fruchtbare Nachkommen zeugen können. Aber das können auch Wölfe und Schakale. Trotzdem erkennt man beide als getrennte Arten an.

(nachzulesen bei Hunde: Neue Erkenntnisse über Herkunft, Verhalten und Evolution der Kaniden – unbedingt !!!).

Mittlerweile steht fest, dass der Hund ausschließlich vom Wolf (Canis lupus) abstammt. Ob der Wolf aber jemals vom Menschen domestiziert wurde und wann Hunde wirklich entstanden ist nicht klar. Zunächst datierten manche Forscher das Alter der Hunde auf 130 000 Jahre, was sich als Irrtum herausstellte. Nach althergebrachter Meinung gibt es Hunde seit etwa 14 000 Jahren. Auch das scheint nicht zu stimmen. Zur Zeit geht man von 40 000 Jahren Hund aus.

Aber egal ob 10 000 oder 100 000 Jahre – was ist in der Zwischenzeit mit den Wölfen passiert?

 

Im Verlauf der „Hundwerdung“ sind die Wölfe in erster Linie geschrumpft. Fast alles an Hunde ist zierlicher als bei Wölfen. Die Zähne sind kleiner. Auch der Kopf und das Gehirn.

Hund und Wolf – die Unterschiede

Das ist vermutlich eine Anpassung an das Leben im Schutz (oder Schatten, je nachdem welcher Theorie zur Domestikation man anhängt) des Menschen. Verkleinerung, vor allem des Gehirns, ist eine typische Domestikationserscheinung. Gehirne sind teure Organe, die viel Energie verbrauchen. Wenn man sich ein kleineres leisten kann – prima!

Außerdem bestechen Hunde durch ihre unglaubliche optische Variabilität. Keine andere Art erscheint in so vielen Formen und Farben wie der Hund. Hier könnte es sich um einen Nebeneffekt der Domestikation handeln, denn Zahmheit scheint bei Caniden mit dem Auftreten von optischer Variabilität wie Schecken und Ringelschwänzen einherzugehen.

Hunde entwickelten sich in unserer Obhut mehr und mehr zu ewigen Welpen. Sie zeigen auch als Erwachsene Merkmale des Kindchenschemas, wie große Augen und runde Köpfe. Auch die Entwicklung verschiedener Verhaltensweisen kommt im Vergleich zu Wölfen in einem frühen Stadium zum Halt. Man nennt das Neotenie: jugendliche Merkmale am erwachsenen Individuum.

Hunde sehen ein bisschen aus wie Welpen und benehmen sich auch so. Dieser Tatsache verdanken wir auch die Stubenreinheit, denn nur Welpen halten ihr Nest sauber, erwachsene Wölfe erleichtern sich wo immer sie gehen und stehen.

Interessanterweise stammen die Wurzeln unseres Umgangs mit Hunden aus dem Elternverhalten. Einen eigenen Verhaltenskreis für Hunde gibt es nicht. Wie behandeln Hunde oft wie Kleinkinder und ist es nicht sehr schwer sich das zu verkneifen? Sie drehen eben an den richtigen Knöpfen.

Hunde sind auch ausgezeichnete Humanethologen. Das sind Wissenschaftler, die das Verhalten von Menschen erforschen. Und genau das ist ihre allergrößte Stärke. Hunde haben im Zusammenleben mit ihrem Haustier Mensch sensationelle Fähigkeiten erworben mit denen sie auch Kleinkinder und Menschenaffen übertreffen.

Die Mimik und Gestik von Mensch und Hund ist oft so gegensätzlich, dass wir eigentlich wie Hund und Katz sein müssten: Wenn wir freundlich sind wenden wir uns unserem Gegenüber zu, sehen ihm in die Augen und zeigen ihm sogar die Zähne. Das tun Hunde eigentlich nur, wenn sie ausgesprochen unfreundlich sind. Aber sie verstehen… und die Kommunikation klappt.

Hund und Mensch – unsere Symbiose

Hund und Mensch leben schon lange zusammen. Herauszufinden, wie lange, damit tun sich selbst Molekularbiologen schwer. Unser Zusammenleben war aber nicht immer so eng wie heute. Es hat eigentlich alle verschiedenen Formen von Symbiosen gegeben.

Halbwilde Dorfhunde – Kommensalismus

Die ersten Hunde, die die menschlichen Siedlungen umstrichen und wohl auch die heutigen halbwilden Dorfhunde in südlichen Ländern leben in einer kommensalen Beziehung zu den Menschen. Die Hunde nutzen die Ressourcen der menschlichen Siedlung und werden von den Menschen geduldet – ähnlich wie unsere Stadttauben oder Ratten. Man spricht von Kommensalismus, wenn eine Art einen Vorteil aus der Beziehung erzielt, während die andere nicht beeinflusst wird.

Nach der Steinzeit – Mutualismus

Hunde und Menschen jagen zusammen und kommen mit einer Beute nach Hause, die keiner von ihnen alleine hätte erlegen können. Auch Hunde, die Schafe oder den Hof hüten oder einen Schlitten ziehen oder sonst einen Job haben, ziehen aus der Symbiose den Nutzen versorgt zu werden und als Gegenleistung verrichten sie ihre Arbeit. Im Prinzip ein ganz normales Angestelltenverhältnis. Gebrauchshunde und Menschen leben in einer mutualistischen Beziehung. Mutualismus ist eine Beziehung von gegenseitigem Nutzen. Das ist häufig gemeint, wenn von Symbiose die Rede ist.

Unsere Familienhunde – Parasitismus

Parasitismus beschreibt ein Verhältnis, bei dem ein Partner auf Kosten des anderen profitiert. Ein Bandwurm zum Beispiel. Im Grunde sind unsere heutigen Gesellschaftshunde, deren einzige Aufgabe darin besteht, anwesend zu sein und das Sofa zu zieren, solche „Parasiten“. Da sitzt mit aller Selbstverständlichkeit der Welt ein Raubtier in unserem Wohnzimmer und lässt es sich auf unsere Kosten gut gehen. Auch wenn wir unseren Parasiten noch so sehr lieben (vor die Wahl gestellt ob Bandwurm oder Hundepartner würde ich mich niemals für den Wurm entscheiden!!!) – wir zahlen. Allerdings sei noch bemerkt, dass wir durchaus Vorteile aus der Beziehung schöpfen, gesundheitliche wie emotionale. Das sollte man auf keinen Fall vernachlässigen.

Seltsame Blüten der Hundeliebe – Ammensalismus

Eine weitere Form der Symbiose ist der Ammensalismus, und auch diese Form der Beziehung gibt es zwischen uns. Amensalismus bedeutet, dass eine Art der anderen unbeabsichigtn schadet, vielleicht sogar ohne es zu merken. Dem Käfer, der auf der Windschutzscheibe klebt, ist das passiert. Und Hunde? Kommt vor.
Ein Hütehund, der sich auf dem Sofa einer Stadtwohnung zu Tode langweilt, zum Beispiel. Auch in den Rassestandards der modernen Hundezucht gibt es strenge Richtlinien für das äußere Erscheinungsbild einer Rasse. Es werden bevorzugt „Champions“ zur Zucht eingesetzt und es kommt rasch zu Inzucht und einer Anhäufung von ungünstigen genetischen Eigenschaften. Das Risiko von Erbkrankheiten erhöht sich dadurch stark. Manche Rassen sind äußerlich so verkrüppelt, dass ein qualfreies Leben nicht möglich ist. Brachycephale (kurzschnäuzige) Rassen, in deren Kiefern nicht genug Platz für Zähne ist oder die Probleme mit der Wärmeregulation haben und deswegen zu Ohnmachten neigen, gehören dazu.