Home » Lernverhalten

Lernverhalten

Lernverhalten – Klassiker

Das Lernverhalten der Hunde ist komplex. Sie lernen viel durch operante und klassische Konditionierung. Aber ist das alles? Nein. Wer genau beobachtet, stellt fest, dass das Lernverhalten von Hund und Mensch gar nicht so sehr unterschiedlich ist. Aber hier geht es zunächst um die „klassischen“ Mechanismen des Lernverhalten, die fast jeder, auch „Aplysia“ , die Meeresschnecke, beherrscht.

Operante Konditionierung

Hunde lernen viel durch operante Konditionierung: Bei der operanten Konditionierung wird eine Verbindung zwischen Ereignissen und Verhalten geknüpft. Nach der Konditionierung zeigt er auf einen Reiz hin ein neues Verhalten. Aus dem ursprünglich unkonditionierten, also neutralen Reiz ist ein konditionierter geworden. Daran ist immer ein „Verstärker“ (reinforcer) beteiligt.

…über das Lernverhalten von Hunden

Ein Beispiel: „Sitz“.
Der Hund soll den Begriff Sitz mit einer bestimmten Körperhaltung verknüpfen. Also hält man ihm beispielsweise ein Leckerli so über die Nase, dass für ihn die bequemste Haltung das Objekt der Begierde im Auge zu behalten der Sitz ist, sagt „sitz“ und gibt ihm im selben Augenblick das Leckerli, das hier als postiver Verstärker dient.
Der unkonditionierte Reiz „sitz“ ist mit Hilfe des positiven Verstärkers Leckerli ein konditionierter Reiz geworden, auf den der Hund nun mit einem neuen Verhalten, dem Hinsetzen reagiert.

Verstärker

Verstärker gibt es in verschiedenen Kategorien: Primäre Verstärker stellen direkt eine biologische Funktion dar, wie z.B. Futter, oder Wasser, bei sozialen Tieren auch Berührungen und Zuwendung. Sekundäre Verstärker haben dagegen einen sozialen Kontext, wie Lob, Lächeln, Ansehen oder Rang und müssen (zum Teil) erst konditioniert werden. Man nennt sie auch konditionierte Verstärker. Positive Verstärker erhöhen die Häufigkeit mit der ein Verhalten auftritt. Lob ist zum Beispiel ein positiver, konditionierter Verstärker. Negative Verstärker sind Ereignisse, die der Lernende vermeidet, indem er ein bestimmtes Verhalten häufiger zeigt. Etwa:
Wenn ich mich setze, knallt es nicht.
Das ist leicht mit Strafe zu verwechseln: da erfährt man einen negativen Reiz wenn man etwas tut (hier: stehen bleiben, sich nicht setzen) und die Häufigkeit des Verhaltens nimmt ab:
Wenn ich mich nicht setze, knallt es.

der richtige Verstärker

Wenn der Hund nichts lernt, ist er trotzdem nicht dumm. Aber er arbeitet unter ungünstigen Bedingungen. Motivation ist ein wichtiger Faktor. Mit einem falschen Verstärker ist der Hund unter Umständen nicht genug motiviert. Man muss dem lernenden Hund etwas bieten. Ein gelangweilter Hund lernt nicht. Der positive Verstärker muss das Spannendste sein, was es diesem Augenblick für den Hund gibt und er muss ihn unbedingt haben wollen.

Timing ist wichtig

Der Verstärker darf nur ganz knapp nach dem Reiz eingesetzt werden. Die besten Ergebnisse erzielt man bei einer Verzögerung von maximal einer Sekunde. Danach, oder auch wenn der Verstärker vor dem Reiz kommt, finden kaum Verknüpfungen statt.

Hunde lernen übrigens viel besser durch positive Verstärkung, was sie tun sollen, als durch negative Verstärkung, was sie nicht tun sollen.

Gegenkonditionierung

Oft entsteht unerwünschtes Verhalten durch eine Konditionierung. Ein unangenehmes oder Angst auslösendes Ereignis tritt zusammen mit einen neutralen Ereignis auf und der Hund reagiert von da an ängstlich auf den ursprünglich neutralen Reiz. Dieser Reiz ist jetzt konditioniert. Man bietet nun einen positiven Reiz, Leckerli, Spiel, was auch immer, mit dem konditionierten Reiz und mit der Zeit verknüpft der Hund die Angst auslösende Situation mit etwas Positivem und das Fehlverhalten verschwindet

Extinktion

Ein Verhalten, dass vorher verstärkt wurde, wird nun nicht mehr verstärkt und verschwindet mit der Zeit. Das geschieht oft unbewusst oder ohne Absicht. Wir wissen ja: Fido ist ein ausgezeichneter Humanethologe – und beobachtet uns genau und zieht seine Schlüsse.

Zum Beispiel kann man einem Hund so das Betteln bei Tisch abgewöhnen – einfach ignorieren. Die Zeit, die es braucht, bis das Verhalten verschwunden ist, hängt davon ab, nach welchem Konzept das Verhalten vorher verstärkt wurde. Kontinuierliche Verstärkung (jedes Mal, Immerverstärkung) lässt den Hund am schnellsten lernen. Diskontinuierliche Verstärkung auf einer variablen Basis (variable Verstärkung, gelegentliche Verstärkung, nachdem ein Verhalten unterschiedlich oft gezeigt wurde) macht besonders hartnäckig.

Das versteht man leicht, wenn man es mit dem Spiel an einem Geldautomaten vergleicht. Wir werden für unser Verhalten – Geld einwerfen – gelegentlich belohnt und gewinnen ein paar Münzen – und wir wissen nicht, wann der Automat die nächste Belohnung ausspuckt. Also dranbleiben – beim nächsten Mal klappt’s bestimmt!!! – das ahnt auch der Hund.

Lernverhalten - nach dem extinction Burst

Dieser Hund hat den Extinction Burst schon hinter sich

Charakteristisch für diese Methode ist der Extinction Burst: Es wird erstmal alles schlimmer und der Hund bettelt viel häufiger, länger und intensiver. Das gehört dazu, da muss man durch. Auf keinen Fall darf man nachgeben, kein einziges Mal. Dann machen wir es wie der Spielautomat und der Hund lernt: dranbleiben lohnt sich ja doch!!! – und spätestens jetzt haben wir dieses sehr schwer auszurottende variable Belohnungssystem etabliert. Es wird in Zukunft viel schwieriger sein, dass unerwünschte Verhalten abzustellen.

Flooding

Flooding ist eine Methode, bei der Ängste abgebaut werden sollen. Der Hund wird dem Angst auslösenden Reiz in maximaler Stärke für eine fixe Zeitspanne ausgesetzt. Entkommen ist unmöglich. Sein Lernverhalten soll ihn dazu bringen, den Angst einflößenden Reiz zu ertragen. Flooding kann aber genau das Gegenteil bewirken und den Hund traumatisieren. Manche Hunde reagieren darauf mit Aggressionen und entwickeln sich zu einem gefährlichen Problemhund.

Desensibilisierung

Desensibilisierung ist die humanere und effizientere Methode, ein bestimmtes Lernverhalten einzusetzen, um Ängste zu bekämpfen: Der Angst auslösende Reiz wird immer nur in der Dosis geboten, in der er toleriert wird und der Hund vollkommen entspannt bleibt. Die Dosis wird dann langsam gesteigert.

Habituation

Bei Habituation wird der Reiz konstant geboten und die Reaktion nimmt in ihrer Stärke mit der Zeit ab. Man nennt das auch Adaptation.

Strafe

Strafe gehört auch zum Lernen. Damit ist nicht gemeint, was wir in unserem kulturellen Kontext unter Strafe verstehen, sondern ein ethologisches Konzept, dass dazu führt, dass ein bestimmtes Verhalten in Zukunft unwahrscheinlicher macht.

Auch hier gibt es unkonditionierte, also natürliche, biologische Strafreize, wie z.B. Schmerz, Lärm, Hitze, Kälte und im Gegensatz dazu konditionierte, deren Funktion als Strafreiz erst erlernt wird, z. B geschimpft werden. Allerdings muss man hier auch, genau wie bei den positiven Verstärkern sicher stellen, dass der Hund die Maßnahme auch wirklich als Strafe empfindet und sich nicht heimlich freut.

Hunde leben in der Gegenwart und bilden hier ihre Verknüpfungen. Sie verknüpfen die Strafe mit dem, was sie gerade tun und lernen, dass sie das nicht mehr tun sollten. Läuft der Hund weg und man bestraft ihn, wenn er zurückkommt, lernt er, dass Zurückkommen bestraft wird. Das er vorher weggelaufen ist, weiß er nicht mehr. Er „überlegt“ sich das nächste Mal ganz genau, ob er wirklich zurückkommen soll. Diese straffe Zeitkopplung gilt natürlich auch, wie bereits erwähnt, für Lob.

Stimulus Control

Diskriminierende Reize gehen einem Verhalten voran und bestimmen, welches Verhalten in dieser Situation erwünscht ist, also positiv verstärkt wird. Ein Reiz kann also in Anwesenheit von verschiedenen diskriminierenden Reizen unterschiedliches Verhalten auslösen.

Ein Blindenhund, der sein Geschirr trägt und „im Dienst“ ist, wird seinen Menschen um einen Ast herumführen, der auf dem Weg liegt. In seiner Freizeit – ohne Geschirr – würde er mit dem Ast aber spielen. Der diskriminierende Reiz – An- oder Abwesenheit des Geschirrs – sagt dem Hund, welches Verhalten erwünscht ist.

Ein blödes Beispiel. Vilmos Csanyi beschreibt in seinem wunderbaren Buch Wenn Hunde sprechen könnten …: Verstand und Verstandesleistung von Hunden auch Gegenbeispiele, in denen Blindenhunde ihr Spiel abbrechen, um ihren Menschen vor Unglück zu bewahren.

Ein besseres Beispiel, und auch noch doppelseitig: Ein Hund spielt gerne mit Steinen, aber sein Mensch nicht. Also wirft er keine Steine. Nur ins Wasser, weil Holz immer wegschwimmt. Der Hund bietet einen Stein und der Mensch wirft ihn weg – aber nur, wenn Wasser da ist. Das Wasser ist der diskriminierende Reiz, der dem Hund (und eigentlich auch dem Menschen – wer konditioniert hier wen?) sagt, ob der Steín fliegen wird oder nicht.

Klassische Konditionierung

Hunde und klassische Konditionierung sind eine ganz berühmte Kombination. Auch hier wird ein zuerst neutraler Reiz zu einem konditionierten. Im Gegensatz zur operanten Konditionierung bezieht sich die klassische Konditionierung auf Reaktionen, die nicht dem Willen unterworfen sind, wie Puls oder Drüsenaktivität.

Sehr bekannt sind die Experimente von Pavlov, der die klassische Konditionierung eher zufällig entdeckt und als erster beschrieben hat. Eigentlich wollte er für seine Forschung am Verdauungssystem nur den Speichel der Hunde untersuchen. Er bot den Hunden Futter an, um den Speichelfluss zu aktivieren. Kurz bevor die Hunde ihr Futter bekamen, hörten sie aus der Küche die Näpfe klappern. Mit der Zeit begannen die Hunde schon zu speicheln, wenn sie nur das Klappern der Näpfe hörten. Ein unkondietionierter Reiz, das Futter, hatte ursprünglich einen unkonditionierten Reflex, den Speichelfluss ausgelöst. Durch die Konditionierung wurde ein neutraler Reiz, das Klappern, zu einem konditionierten, der nun den Speichelfluss, den konditionierten Reflex, auslöst.

Im Alltag ist klassische Konditionierung eher die Ursache von Problemen als ihre Lösung. Aber sie findet auch in der Verhaltenstherapie Anwendung.

Für die erfolgreiche Erziehung des Hundes ist es sehr vorteilhaft, wenn man mit diesen Prinzipien von hündischem Lernverhalten vertraut ist. Neuere Forschung beweist allerdings, dass Hunde natürlich keine Reiz-Reaktions-Maschinen sind. Ihr Lernen basiert zum Teil auf Mechanismen, die man bis dahin nur Menschenaffen zugeordnet hatte.