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Hundezucht

Hundezucht ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Mode. Die Zucht von Rassehunden führt schnell in eine genetische Sackgasse mit viel zu engem Genpool. Gute, gesunde Hunde müssen keinen Rassestandards entsprechen. Aber über manche Dinge denkt man nicht unbedingt nach, die sind einfach so. Eines davon ist Hundezucht. Wozu braucht man Rassehunde?

Ursprünglich entstanden Hunderassen dadurch, dass diejenigen, die am besten für bestimmte Aufgaben geeignet waren sich mit Ihresgleichen (ebenfalls bestens geeignet) fortpflanzten – oder besser – fortgepflanzt wurden. Dadurch entwickelten sie auch gemeinsame äußere Merkmale. So weit, so gut. Arbeitshunde wurden weiterhin nach ihrer Eignung und nicht ihrem Aussehen gezüchtet.

Showlinien

Vor etwas mehr als 100 Jahren kam die Hundezucht zu Schauzwecken in Mode. Nun entstand neben der Arbeitslinie auch eine Schaulinie, die ausschließlich nach optischen Kriterien gezüchtet wurde. So genannte „Rassestandards“ mussten – und müssen – erfüllt werden.

Der Rassestandard bezeichnet die von Zuchtverbänden festgeschrieben, charakteristischen Merkmale einer Rasse und bezieht sich hauptsächlich auf das Aussehen.

Die Geschichte von Blue, dem Malthound-Champion

C.A. Sharp zeichnet den hypothetischen Fall von Blue, dem Malthound-Champion. Blue war makellos, gesund und clever. Alle wollten ihn zum Vater ihrer Welpen machen – und die meisten taten es.

Blue starb in hohem Alter in Ruhm und Ehren. Seine Nachkommen traten in seine Fußstapfen und verbreiteten seine Gene über Generationen.

Was man nicht wusste: der gute Blue hatte neben seinen perfekten Genen auch ein paar sehr schlechte mitgebracht. Dummerweise waren einige der schlechten Gene direkt an die guten Malthound Gene gekoppelt. Er selbst trug keinen Schaden und auch nicht seine direkten Nachkommen, aber nach ein paar Generationen traten Malthounds auf, die „Probleme“ hatten.

Aber das passiert schon mal.

Mit der Zeit häuften sich die „Probleme“, die man verschwieg um nicht aus der Zucht ausgeschlossen zu werden.

Nach Jahren hatte jeder „Probleme“. Große, z.B. Katarakte, HD, Epilepsie, was auch immer, oder unspezifischere Vitalitätsfaktoren, wie Fruchtbarkeit, Widerstandsfähigkeit, Instinktsicherheit, geistige und körperliche Leistungsfähigkeit usw.

(Mischlinge haben eine 1-2 Jahre größere Lebenserwatung als Rassehunde – nanu!?).

Während sich Besitzer, Züchter und Zuchtverbände gegenseitig die Schuld zuwiesen wurde über Jahrzehnte weitergezüchtet, bis die Malthound-Population unter dem angehäuften Genmüll zusammenbrach und die Malthound ausstarben.

Deswegen gibt es keine Malthounds mehr. Sie wurden ein Opfer der Hundezucht.

 

Parallelen aus dem richtigen Leben:

Ein Quarterhorse Hengst mit dem stolzen Namen „Impressive“ war ein populärer Vererber. Als man anfing, seine Nachkommen miteinander zu verpaaren, sprang die Sterblichkeitrate drastisch in die Höhe. Impressive war Träger eines tödlichen, aber rezessiven Genes gewesen. (Rezessive Gene treten nur in Erscheinung, wenn kein anderes Allel (Kopie desselben Gens) vorhanden ist, die Träger also homozygot bezüglich des betreffenden Merkmals sind.)

Die Situation, wenn ein einzelner Vererber derart drastische genetische Effekte auf eine Rasse ausübt ist seitdem als „Impressive-Sydrom“ bekannt.

Der Schaden, den ein einziges rezessives Gen anrichten kann, wird innerhalb weniger Generationen offensichtlich. Aber wie verhält es sich mit komplexeren Zusammenhängen?

Man kann davon ausgehen, dass jeder Vererber nicht nur positive sondern auch negative Eigenschaften vererbt. Alle Hunde tragen defekte Gene, im Durchschnitt 4-7 an der Zahl.

Das Problem sind aber nicht die Vererber, sondern der Umgang mit ihrem Erbgut. Für etwa ein Jahrhundert war Inzucht die Methode der Wahl um ein hohes Maß an Homozygotie zu erzeugen. Individuen, die bezüglich eines Merkmals homozygot sind, also zwei identische Kopien ihn ihrem Erbgut tragen, vererben diese Eigenschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Wenn ein Rüde einige positive Eigenschaften besitzt und diese vererbt, wird er schnell zum Champion, mit dem jeder züchten will. Der Champion wird zum genetischen Flaschenhals der Population und seine Gene sind nun überall dabei. Und wenn ein kaputtes dabei war – Pech für die Rasse.

Seine Kinder und Enkel scheinen gesund und nun beginnt die Inzucht.

Einige Rassen stammen von nur wenigen Individuen ab, z.B. die Showlinie der Australian Shepherds, die auf nur zwei Deckrüden zurückgeführt werden kann, die auch noch Vollbrüder waren.

Selbst wenn man nur die -im genetischen Sinn-besten Vererber zur Zucht einsetzt, werden einige Gene sich im Genpool der Rasse anhäufen und andere abnehmen oder gar verschwinden.

Ein Umdenken ist notwendig: Kein einzelner Hund, egal wie hervorragend sein genetisches Material zu sein scheint, sollte im Genpool einer Rasse dominieren. Und nicht zuletzt muss auch die Einstellung zu Erbkrankheiten sich ändern und offen über ihr Auftreten gesprochen werden.

Quelle: C.A. Sharp, Double Helix Network News, Vol. IV, No. 3 (Summer 1998)

Kollateralschäden…

Die Verkrüppelung von Rassehunden wird durch unbeabsichtigte Nebeneffekte durch Mutation eines einzigen Gens verstärkt. Das vermehrte Auftreten von Taubheit bei Dalmatinern ist ein Beispiel. Es hängt mit der weißen Fellfarbe zusammen. An der Synthese der Pigmente, aber auch an der Bildung der Sinneszellen im Gehörorgan sind dieselben biochemischen Stoffwechselwege beteiligt. Werden diese zu Gunsten einer weißen Fellfarbe verändert können auch die Ohren betroffen sein. Deswegen sind weiße Hunde stärker von Taubheit betroffen als dunkel pigmentierte.

Oft ist das angezüchtete Leid aber gar kein Unfall, und man möchte unbedingt eine Hund ohne Schnauze und mit Augen groß wie Chrisbaumkugeln haben. Solche brachycephalen Rassen leiden unter Kieferanomalien aufgrund einer Verformung des Schädels. Da ist oft kein Platz für Zähne oder die Kiefer treffen in einem gewaltigen Unterbiss nicht mehr aufeinander. Ein gesunder Kopf sieht anders aus.

Darüber hinaus ist eine echte Hundeschnauze wichtig für die Thermoregulation, weil dort der Wärmeaustausch mit der Umgebung stattfindet. So wird das Gehirn gekühlt. Deswegen neigen brachycephale Rassen bei Hitze zu Ohnmacht und Kurzatmigkeit.

Die Liste der Rassedispositionen, der Veranlagung bestimmter Rassen für bestimmte Erbkrankheiten, ist enorm lang, und umfasst fast die Hälfte der anerkannten Hunderassen. Einen guten Überblick mit einer Kurzbeschreibung des Krankheitsbildes und des genetischen Hintergrundes liefert das Buch Rassedispositionen bei Hund und Katze von Alex Gough und Alison Thomas.

Auch Hellmuth Wachtel beschäftigt sich mit den Problemen der Inzucht bei Rassehunden in Hunde zucht 2000: Gesunde Hunde durch genetisches Management. Populationsgenetik für Hundezüchter und andere Kynologen. Hundezucht nach genetischen Aspekten unter Berücksichtigung der genetisch bedingten Krankheiten.
Noch ein Lesetipp: Schwarzbuch Hund: Die Menschen und ihr bester Freund von Christoph Jung.